Krankenschwester Lisette Jerez: Wie Smile Train-Partner Kinder mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten während der Pandemie weiter behandeln

In Chile wurden Operationen von Lippen-Kiefer-Gaumenspalten und deren Behandlungen verschoben, um Patienten in Zeiten von COVID-19 zu schützen. Der Leidensdruck und der Handlungsbedarf bei Spaltenpatienten besteht jedoch weiterhin.

Lisette Jerez ist beim Smile Train-Partner GANFIT (Grupo de Ayuda a los Niños con Fisura Labio Palatina) im Hospital Hernán Henríquez Aravena als Krankenschwester angestellt. Sie arbeitet zusammen mit Dr. Pilar Itrurriaga, die das chirurgische Team leitet, und sorgt mit ihr dafür, dass ihre Patienten weiterhin die Fürsorge und Behandlungen erhalten, die sie so dringend benötigen. Sie macht sich viele Gedanken, welchen Einfluss COVID-19 auf ihre Patienten hat, und unterstützt sie, wo immer es möglich ist. 

„Seit COVID-19 zur Pandemie erklärt wurde, hat das Virus Chaos verbreitet. Auf der einen Seite steht die Krankheit und die große Angst, die wir haben, uns selbst, aber auch unsere Familien und Patienten anzustecken. Auf der anderen Seite sind die Auswirkungen, die das Virus auf Krankenhäuser und Kliniken hat.

Der Aufschub der Spalt-OPs hat bei den betroffenen Familien Verzweiflung und Angst hervorgerufen – Angst, dass sie im Stich gelassen und einfach ihrem Schicksal überlassen werden.

Als fachübergreifendes Team haben wir uns entschlossen, nicht nur gegen COVID-19 zu kämpfen, sondern auch sicherzustellen, dass unsere Patienten und deren Familien nicht vergessen werden. Wir wissen, dass sie im Moment bei der Zuteilung von medizinischer Ausstattung und Personal nicht an erster Stelle stehen können. Dennoch versuchen wir mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln, das Leben der Kinder zu ändern, die von uns abhängig sind. Wir dürfen sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Wir müssen sie unterstützen, besonderer Hilfe bedürfen Babys aus ländlichen Regionen von Eltern mit geringer Ausbildung und mit niedrigem Einkommen (das trifft auf einen Großteil der Menschen in unserer Region zu).  Diesen Eltern helfen wir z. B. bei der Ernährung Ihres Säuglings. Wenn wir uns nicht um sie kümmern, tut es niemand. Andernfalls werden sie in einem oder drei Monaten, wenn alles vorbei ist, unterernährt sein, sich angesteckt haben oder Schlimmeres.

Zum Glück leben wir in einer modernen Zeit, in der wir weit verbreitete Ressourcen aus unser aller Freizeit zu geringen Preisen einsetzen können. Soziale Medien sind der Schlüssel für unsere Weiterarbeit. WhatsApp, Videoanrufe und das kostenlose Versenden von Fotos sind unsere Lösung. Während eines Anrufs können wir uns wirklich auf das vorliegende Problem konzentrieren. Ob wir einfach nur in Kontakt bleiben, Ruhe ausstrahlen, mehr über den Fortschritt bei der Ernährung erfahren oder diesbezüglich neue Tipps geben, Änderungen bei der Behandlung nachgehen oder dafür sorgen, dass die Patienten und deren Familien sich an die Behandlungsmaßnahmen halten und mit uns kommunizieren.

In schwierigen Zeiten ist nichts wichtiger als Zusammenhalt und Vertrauen. Es ist beruhigend zu wissen, dass sie fragen können, ob dieses oder jenes Symptom normal ist, ob sie in die Notaufnahme kommen oder lieber zu Hause bleiben sollen, bis alles vorbei ist. Im Laufe der Zeit haben wir gelernt, dass nicht nur die Krankheit, sondern auch jeder betroffene Mensch behandelt werden muss: das Kind selbst, die Mutter, die aus Sorge um ihren Sohn weint, ihre Familie wegen der wenigen zur Verfügung stehenden Mittel, das Chaos, in dem wir leben, der Vater, der aufgrund der Quarantäne arbeitslos ist und darunter leidet, seine Familie nicht ernähren zu können. Wir leben in schweren Zeiten und ich setze alles daran, dort Hilfe zu leisten, wo ich kann. Obwohl ich zurzeit nicht an vorderster Front gegen COVID-19 kämpfe, engagiere ich mich darin, Kinder mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten und ihre Familien am Leben und bei guter Gesundheit zu halten. Mit Liebe, Worten des Trosts, Anweisungen, Ratschlägen und wie auch immer ich sonst helfen kann: Ich bin 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche an ihrer Seite. Die Familien wissen, dass wir da sind.

Leider kann ich mich nicht um alle kümmern, es gibt einfach zu viele – ungefähr tausend Babys warten auf eine Operation ihrer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. Die Eltern der kleinsten Kinder (55 von ihnen wurden 2019 geboren und 10 in diesem Jahr), die schon alt genug für die OP sind, senden mir so viele Nachrichten.

Es sind keine verzweifelten Nachrichten, sondern dankbare Botschaften und gute Wünsche an mich, das Team, das Krankenhaus und alle, die in diesem Kampf auf die eine oder andere Art mitwirken, sodass ich ein reines Gewissen und innere Ruhe finde.

Für die Kinder heißt es warten, denn wir müssen Operationen, Sprachtherapie und Zahnbehandlungen verschieben, bis das Krankenhaus die Kapazität hat und die Stadt und die Welt wieder sicherer sind. Wenn diese Zeit kommt, haben wir einen Berg an Arbeit vor uns – Wartelisten, Patienten, die operiert werden müssen, ohne dass alle vorbereitenden orthopädischen Maßnahmen ergriffen wurden usw. Aber ich hoffe, dass unsere Patienten und ihre Familien gesund und in guter Verfassung bleiben.

Zurzeit bin ich mit meinen zwei Kindern zu Hause. Ich gebe meinen kleinen Patienten Kraft und denke viel sowohl an sie, als auch meine älteren Verwandten, die sich als Vorsichtsmaßnahme in Isolation begeben haben, und an einige Mitglieder meines Teams, die sich täglich um Patienten in unserem Krankenhaus kümmern. Ich vertraue auf ihre Erfahrung und ihr Wissen, dass dieser Science-Fiction- und Horrorfilm bald ein Ende findet. Ich warte auf den Anruf, der es mir erlaubt, mich nicht mehr nur um meine eigenen Kinder zu kümmern, sondern auch wieder um all die anderen, die mich brauchen.

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